Yamaha Tenere 700 • Modelljahr 2019

Zurück in die Zukunft – oder: einfach fahren

Wie haben wir das eigentlich früher gemacht, als es zu regnen begann oder gar der Asphalt unter den Rädern ausgegangen ist und es keine Fahrmodi gab, die man aktivieren hätte können? Richtig: Wir sind einfach weitergefahren. Und genau das macht man auch mit der Tenere 700, weil es nichts zum Einstellen gibt. ABS ist an Bord, klar. Kann man wegschalten, komplett. Aber sonst hat der neue Stern am Mittelklasse-Reiseenduro-Himmel nichts an elektronischen Helferlein dabei. Mutig, in Zeiten wie diesen, wo neue Modelle meist auch an der Vielzahl innovativer, elektronischer Features gemessen werden. Aber auch passend?

Um dies herauszufinden, habe ich der Yamaha nach den beiden Tenere-Tourstopps am Red Bull Ring in Österreich und in den  Schweizer Alpen nun bereits zum dritten Mal auf den Zahn gefühlt – diesmal 19 Tage lang, in sechs Ländern, über 4.300 Kilometer…

Kaum ein anderes Motorrad wurde von der Fangemeinde so lange herbeigesehnt, wie die Yamaha Tenere 700. Ähnlich, wie das schon Honda vor der Wiedergeburt der Africa Twin mit der "True Adventure" getan hatte, fütterte man seit der ersten Präsentation der Konzeptstudie T7 auf der EICMA 2016 die potentielle Kundschaft immer wieder mit kleinen, Appetit machenden Happen, ließ die Tenere von mehr oder weniger prominenten Fahrern sogar imageträchtig einmal um die ganze Welt kurven. Ehe sie jetzt – in der zweiten Jahreshälfte 2019 – endlich wirklich bei den Händlern bzw. jenen Kunden steht, die sich getraut haben, sie ohne Probefahrt zu bestellen. Ob das lange Warten in Anbetracht des zumindest aus technischen Gesichtspunkten eher unspektakulären Endergebnisses gerechtfertigt war, bleibt natürlich diskussionswürdig, unbestritten ist aber eines: Selten noch sah ein fertiges Motorrad der ersten Studie derart ähnlich, wie die Tenere 700 der erwähnten T7, wo die Designer aller Auflagen zum Trotz kaum einen sichtbaren Kompromiss eingegangen sind: Chapeau!  

Altbewährt ist der uns schon aus MT-07 oder Tracer 700 bekannte Reihen-Zweizylinder-Motor mit knapp 74 PS (bei 9000 U/min) bzw. einem Drehmoment von 68 Newtonmetern, das bereits bei 6500 Umdrehungen anliegt. Entsprechend agil und durchzugsstark gibt sich das Aggregat auch von unten heraus, Schwächen offenbaren sich erst im oberen Drehzahlbereich. Für eine Reiseenduro, deren Fokus aber in erster Linie auf unbefestigte Wege bwz. Straßen von unterschiedlichster Quallität gerichtet ist, meiner Meinung nach aber vollauf ausreichend. Ich habe jedenfalls auf meiner Tour durch Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Albanien diesbezüglich nichts vermisst, selbst längere Autobahnetappen auf der Anreise waren keine Qual. Dazu trägt auch die Sitzbank bei, die definitiv bequemer ist, als sie auf den ersten Blick wirken mag. Der Windschutz ist okay, wenngleich es ab Tempo 120/130 schon recht um den Helm zieht, es in diesem Bereich definitiv Besseres gibt.

Wichtig sind bei einer Reiseenduro natürlich auch immer Fahrwerk bzw. Federelemente. Mit einem Federweg von 210 mm vorne und 200 mm hinten ist die Tenere gut ausgestattet, sowohl die 43-Millimeter-Upside-Down-Telegabel als auch das Federbein sind voll einstellbar. Letzteres in der Vorspannung auch mittels leicht zugängigem Handrad einfach zu verstellen bzw. der Beladung anzupassen. Das ausgezeichnet abgestimmte Fahrwerk schluckt selbst harte Fels-Passagen und bügelt Unebenheiten recht komfortabel weg. Da kommen auch die hervorragende Ergonomie, sowohl beim Stehen als auch im Sitzen, und das geringe Gewicht des Motorrads zu Gute. Subjektiv fühlte sich das vollgetankt 204 kg bzw. trocken unter 190 kg schwere Bike offroad jedenfalls näher bei meiner doch um 60 Kilo leichteren CCM GP450 als bei anderen Mittelklasse-Reiseenduros, selbst richtig steile Passagen waren kein Problem. Da kommt man definitiv weiter, als die meisten von uns gewillt sind, mit so einem Motorrad auch wirklich zu fahren. 

Das Handling ist spielerisch, die Yamaha reagiert präzise auf jeden Lenkbefehl, was sie auch für die Kurvenhatz auf der Landstraße wappnet. Endurotypisch gewählt sind die Rad-Dimensionen mit 21 Zoll vorne und 18 Zoll hinten, als Serienbereifung hat sich Yamaha für den Pirelli Scorpion Rally STR entschieden. Eine sehr gute Wahl, die das breite Einsatzspektrum der Tenere bzw. das, was die meisten Käufer damit fahren werden, ordentlich abdeckt: Der Gummi passt nicht nur optisch gut zu einer Enduro, sondern bietet richtig satten Grip auf der Straße, funktioniert auch im Schotter sowie gemäßigten Offroad und bietet obendrein eine ganz hervorragende Regen-Performance, was ihn auch zu einer guten Wahl für Ganzjahres- bzw. Vielfahrer macht. Ich hatte für die Reise dennoch mit dem neuen Bridgestone Battlax Adventurecross AX41 etwas anderes auf die Speichenfelgen ziehen lassen, ganz einfach um Offroad alleine unterwegs noch mehr Reserven zu haben. Beide Reifen kann ich, je nach Vorlieben, vorbehaltlos für die Tenere 700 empfehlen.

Wie die Faust aufs Aug zum Motorrad passen auch die Bremsen (vorne sind zwei 282-Millimeter-, hinten eine 245-Millimeter-Scheibe montiert), die sich sehr gut dosieren lassen, ausreichend, aber fürs Offroad auch nicht zu bissig verzögern. Das ABS greift ein, wann es sein soll, die praxisgerechte Abstimmung veranlasste mich, es oft sogar erst dann wegzuschalten, wenn es auf unbefestigen Wegen richtig grob oder steil wurde, nicht jedoch auf einfachen Feldwegen oder Schotterstraßen. Deaktiviert ist es im Stillstand mit einem simplen Druck auf den prominent platzierten Knopf, wonach in großen Lettern "OFF-ROAD" zu lesen ist – ein sogenanntes "Offroad-ABS", bei dem es nur am Hinterrad deaktiviert ist und vorne im Bedarfsfall doch (oft abgeschwächt) regelt, gibt es nicht, wäre als Zusatzoption aber sicher keine schlechte Sache. Auch Traktionskontrolle oder Fahrmodi sucht man bei der Tenere 700 vergeblich, was mir jedoch alles keine Sekunde lang abgegangen ist. Diese hat man bei einem Motorrad mit 74 PS sowieso in der rechten Hand. Natürlich kann man jetzt einwerfen, dass die Yamaha nicht mehr an Elektronik an Bord hat, wie etwa meine Triumph Tiger 800 XC aus dem Jahr 2011, an der anderen Hand kommt das Weglassen von überladener Technik auch dem Preis zu Gute – wenn man sich ansieht, was manch Hersteller schon unter der Bezeichnung "Mittelklasse-Reiseenduro" ausruft, so ist das Preis-Leistungsverhältnis der Tenere 700 schon eine Wohltat. Ganz abgesehen vom Argument vieler Weltreisender, dass unterwegs nicht kaputt gehen kann, was nicht dabei ist. Wobei natürlich jeder für sich entscheiden wird müssen, ob ihm die Sicherheitsfeatures ausreichen, das Zurück in die Zukunft von Yamaha auch für ihn gelten kann.

Die Sitzhöhe ist mit 875 Millimetern ordentlich, durch die Schlankheit des Motorrads und die damit verbundene doch überschaubare Schrittbogenlänge war sie für mich mit meinen 1,75 Metern aber so gut wie kein Problem – lediglich in manch steilerer Schotterkehre hätte ich mir etwas mehr Nähe zum Boden gewünscht. Optional kann man die Tenere auch um vier Zentimeter tiefer legen, das schränkt dann aber auch wieder die Bodenfreiheit von serienmäßig 24 Zentimeter ein, die speziell Offroad über durchkommen oder nicht entscheiden kann. Apropos Sitzposition: Bei sportlicher Fahrweise, mit dem Ballen recht weit vorne an den Rasten, kann es schon passieren, dass man mit dem Stiefel hinten an den Halterungen der Sozius-Rasten anstößt, ebenso beim Stehendfahren mit der linken Ferse am "Nippel" des Seitenständers. Und da das Kupplungsgehäuse beim insgesamt sehr schlanken Motorrad ein wenig raussteht, ist im Sitzen auch dort Kontakt möglich. Alles kein Problem bzw. Raunzen auf sehr hohem Niveau, aber in meinen Augen doch erwähnenswert.

Optisch finde ich das Motorrad sowieso bis ins Detail wirklich gelungen:

• Die schlanke Linie,

• die zwar praktischerweise zweiteilige Sitzbank, die aber nach einteilig aussieht und beim Fahren auch die Bewegungsfreiheit einer solchen mitbringt,

• dazu die Front im Rally-Design mit den vier LED-Schweinwerfern.

All das ist stimmig, letztere sorgen obendrein dafür, dass man mit der Yamaha Tenere 700 auch bei schlechten Lichtverhältnissen bzw. in der Nacht gut sieht.

Ins Gesamtbild passt meiner Meinung nach auch das Display im Roadbook-Design. Gut ablesbar unter allen Lichtverhältnissen, liefert es die relevantesten Informationen wie Geschwindigkeit, Drehzahl, zwei Trip-Kilometerzähler, Gesamtkilometerstand, Durchschnittsverbrauch, Tankanzeige etc. Etwas gewöhnungsbedürftig sind die Vibrationen bei schlechter Fahrbahn, dies ist allerdings dem Umstand geschuldet, dass Yamaha das ganze Display gummigelagert mitschwingen lässt, um so auch härteste Offroad-Bedingungen unbeschadet zu überstehen. Praktisch ist die serienmäßige Querstrebe oberhalb der Tacho-Einheit, an der ich auf der Tour mein Garmin Zumo 660 montierte – so hat man das Navi dort, wo es sein soll: Im Sichtfeld, ohne dabei den Blick von der Straße abwenden zu müssen.

Genehmigt hat sich die Tenere im Test im Schnitt 4,6 Liter auf 100 Kilometer, was im Zusammenspiel mit dem 16-Liter-Tank Reichweiten von knapp 350 Kilometer zulässt. Ordentlich für eine Reiseenduro, auch wenn mancher von einer Tenere vielleicht noch den einen oder anderen Kilometer mehr erwartet hätte. Ich bin  jedoch schon von stolzen Besitzern der Neuen angeschrieben worden, die mir mitteilten, dass sie nicht mehr als 4 Liter brauchen und dementsprechend dann sogar 400 Kilometer mit einer Tankfüllung möglich erscheinen. Ist wohl alles auch eine Frage der Selbstdisziplin bwz. der Streckenwahl (Offroad braucht man meist etwas mehr), ich finde den Verbrauch gemessen an Fahrleistungen bzw. -spaß jedoch durchaus angemessen.

 

"Irgendwie erkennt man gleich am ersten Blick, dass bei der Tenere 700 die Soziatauglichkeit nicht an oberster Stelle auf der Liste stand: Haltegriffe, wie an fast allen Reiseenduros üblich, sucht man vergebens. Nicht, dass sie mir fehlen, aber praktisch können sie schon sein. Dennoch ist der schmale Sitz bequemer als ich dachte, der Kniewinkel entspannt, der Platz für mich ausreichend. Wenn die Etappen nicht allzu lange ausfallen, kann ich mir eine Reise damit sehr gut vorstellen, knapp drei Wölfe hat sich die T7 allemal verdient."


Neben dem Fahren zu zweit, das den Fahrer in keinster Weise einschränkt, ist auch die Möglichkeit der Gepäcksunterbringung ein nicht unwesentlicher Faktor bei Reiseenduros. Yamaha bietet für die Tenere ein stabiles Kofferset an, auch Fremdhersteller wie Touratech haben sich der T7, wie sie landläufig immer noch gerne bezeichnet wird, bereits angenommen. Aber auch Softgepäck-Lösungen, wie meine Enduro Dry Saddlebags von Wolfman Luggage, stehen dem schlanken Motorrad gut zu Gesicht und haben sich auf meiner Balkan-Tour bewährt bzw. beim Fahren nie eingeschränkt.



+ Handling und Ergonomie sind beispielhaft, auf und (vor allem) abseits der befestigten Straßen

+ Der Zweiylindermotor  passt perfekt zu diesem Motorrad  

+ Preis/Leistungsverhältnis auch durch Verzicht auf Elektronik top

– ABS nur ganz abschaltbar ein sogenanntes "Offroad-ABS" (nur am Hinterrad deaktiviert) würde gut passen

– Halterung der Soziusrasten stört minimal bei sportlicher Fahrweise

– Die Tatsache, dass ich sie wieder zurückbringen musste... 



Erhältlich ist die Tenere 700 in drei Farbgebungen mit den klingenden Namen "Ceramic Ice", "Competition White" bzw. "Power Black", man könnte dazu freilich auch Silber-Blau-Schwarz, Weiß-Rot und Schwarz-Grau sagen. Jede hat etwas für sich, mein subjektiver Favorit ist die in den klassischen Tenere-Farben gehaltene Weiß-Rote, wobei mir bei der "Ceramic-Ice"-Variante wiederum die blauen Felgen ganz besonders gut gefallen…

Fazit: Danke, Yamaha! Nicht nur für das zur Verfügungstellen der neuen Tenere 700 für meinen Intensivtest durch den Balkan. Sondern vor allem dafür, dass ihr ein alltagstaugliches Reisemotorrad auf die Speichenfelgen gestellt habt, das nach dem Motto "weniger ist mehr" bis aufs gesetzlich vorgeschriebene ABS auf elektronische Fahrhilfen verzichtet und so preislich "Mittelklasse" bleibt. 10.899,00 Euro werden dafür aktuell in Österreich ausgerufen – was zwar auch kein Schnäppchen ist, im Vergleich zum Einstiegspreis anderer Hersteller in die Adventurebike-Welt aber ein echtes Zuckerl. Noch dazu, wo man wirklich quasi von der Stange eine reisefertige Enduro mit einem ordentlichen Serien-Fahrwerk bekommt, man nur noch aufsteigen und losfahren muss – ganz egal, wo die Reise hingeht. Ich hatte auf meiner Tour außer dem erwähnten Reifenwechsel (der ja nicht zwingend nötig gewesen wäre), Navi und Softgepäck nichts dabei, was nicht schon die Modelle im Schauraum gehabt hätten. Bei der eigenen Tenere würden fürs Erste wohl noch der etwas filigran wirkende Motorschutz und gegebenenfalls die Handguards gegen Robusteres gewechselt bzw. ein Hauptständer montiert, das wär's dann aber auch. Und wenn man mal vor einem steileren Hang oder einer richtig groben Schotterpassage stehen bleibt, um kurz zu überlegen, ob denn auch der richtige Fahrmodus eingelegt ist: Einfach fahren, die packt das schon!

@ 09/2019