Touratech Aventuro Carbon

Ein Hut für jede Gelegenheit

Gut 15.000 der etwas mehr als 20.000 Kilometer, die ich 2016 bis zur Jahreshälfte auf zwei Rädern absolviert habe, war ich mit dem Aventuro Carbon von Touratech im Dakar-Design auf meiner empfindlichen Rübe unterwegs. Genug, um meine Eindrücke von bzw. meine Erfahrungen mit dem Helm niederzuschreiben. Der Helm, der in drei Varianten gefahren werden kann (mit Schild und Visier, mit Schild und Cross-Brille oder als klassischer Integralhelm) kommt mit einer ganzen Reihe an Zubehör- bzw. Anbauteilen daher: Etwa aufklebbare Zusatzpölsterchen in unterschiedlichen Größen und Formen zur individuellen Anpassung des Innenfutters an die jeweilige Kopfform (Ergo-Padding-System), austauschbare seitliche Einsatz-Platten, an denen Klebehalterungen für Action Cams bzw. Quick-Strap-Brillenbänder befestigt werden können oder ein Kamera-Halter, der einfach mit dem Schild ohne Schrauben oder Klebstoff montiert wird und dementsprechend wieder abgenommen werden kann, ohne Spuren am Helm zu hinterlassen. Dazu kommen noch ein Pinlock-Visier, das mit wenigen Handgriffen am Visier befestigt ist und ein Beutel, in dem das abgenommene Visier samt Zubehör z.B. während des Offroadfahrens Platz findet.

Der Aventuro Carbon von Touratech ist Cross-, Integral- und Adventure-Tourenhelm in einem…
Der Aventuro Carbon von Touratech ist Cross-, Integral- und Adventure-Tourenhelm in einem…

Ganz schön viel Zubehör für einen Helm, alles auch ganz schön durchdacht. Das Wichtigste aber: Wie fühlt er sich beim Fahren an, wie ist man damit unterwegs? Die allererste Berührung mit dem Aventuro war ja nicht unbedingt gleich Liebe auf den ersten Blick: Durch den eng geschnittenen Halsausschnitt gestaltet sich das An- und Ausziehen doch etwas mühsamer als bei den meisten anderen Helmen, das bleibt auch nach etlichen tausend Kilometern so. Dafür wird man mit einer Passform entschädigt, die ebenfalls ihresgleichen suchen kann. Ich hatte jedenfalls noch nie einen Helm am Kopf, der so gut sitzt und dennoch nirgendwo drückt oder gar ein beengendes Gefühl aufkommen lässt. Auch ist er relativ leise, Geschwindigkeiten bis ca. 130 km/h sind selbst mit Schild komfortabel, erst darüber beginnt es den Kopf leicht zu ziehen. Wen das stört, der könnte für lange Autobahnetappen das Schild abbauen – was ebenso wie Ein- und Ausbau des Visiers ohne Werkzeug mit wenigen Handgriffen zu erledigen ist: Mustergültig!

Kurzfristig war ich ohne Schildverlängerung unterwegs
Kurzfristig war ich ohne Schildverlängerung unterwegs

Das Sichtfeld ist riesig und ermöglicht fast einen "Rundumblick", was natürlich auch der Sicherheit zu Gute kommt. Lediglich in Kombination mit einem Neck Brace wird's durch den relativ breiten Kinnbügel etwas eng, stösst der Aventuro Carbon früher am Nackenprotektor an als andere Offroad-Helme. Dass Touratech auf ein integriertes Sonnenvisier verzichtete, wird den einen oder anderen stören, ist aber auch im geplanten Einsatzbereich eines "Adventure"-Helmes begründet: Zum einen wird dadurch weiter Gewicht gespart, zum anderen können auf staubigen Pisten das Sonnenvisier und dessen Verstellmechanik rasch verschmutzen und dann in ihrer Funktion stark beeinträchtigt werden. Dafür gibt es ja die Sonnenblende, die beim Aventuro bei Bedarf stufenlos bis um etwa 2,5 Zentimeter verlängert werden kann. Bei meinem Helm ist dieser ausziehbare "Spoiler" einmal bei (deutscher ;-) ) Autobahngeschwindigkeit weggebrochen und verloren gegangen – laut Touratech ein Einzelfall, welcher unproblematisch unter Garantie behoben wurde.

Luftiges Offroad-Mundstück
Luftiges Offroad-Mundstück

Der dank der fünf regulierbaren Luftein- bzw vier Luftauslässe  angenehm ventilierte und ausschließlich aus Carbon gefertigte Helm ist sehr leicht, wenn auch einen Tick schwerer als mein bisheriger Favorit, der Uvex Enduro Carbon. Dieser ist auch etwas luftiger als der Touratech, der dafür in einem breiteren Temperaturfenster einsetzbar besser als Ganzjahreshelm taugt. Zumal er mit dem im Lieferumfang enthaltenen Offroad-Mundstück, das sich in wenigen Sekunden einsetzen lässt, dem Uvex punkto Durchlüftung auch um nichts nachsteht, die Lufteinlässe bei niedrigen Temperaturen im Unterschied zu meinem Vorgänger aber geschlossen werden können. Ich bin den Aventuro jedenfalls sowohl bei Temperaturen um den Gefrierpunkt als auch bei brütender Hitze gefahren – beides durchaus angenehm, soweit man Mopedfahren bei diesen Verhältnissen als angenehm bezeichnen kann. Im Regen verhinderte das Pinlock-Visier bislang jegliches Anlaufen der Scheibe, von Nieseln bis Wolkenbruch war alles dabei.

Die herausnehm- und waschbare Innenausstattung ist für einen Helm dieser Preisklasse ebenso selbstverständlich wie die Vorbereitung für ein Kommunikationssystem, andere durchdachte Features unterscheiden ihn aber doch von vielen ähnlichen Produkten: Etwa die clevere Brillenbandführung an der Rückseite oder das "Emergency Strap System" mit dessen Hilfe die Wangenpolster nach einem Unfall einfach entfernt werden können, was das Abnehmen des Helmes erleichtert und Verletzungen der Wirbelsäule vorbeugt. Auch der Doppel-D-Verschluss ist für mich ein absolutes Sicherheits-Merkmal. Praktisch finde ich, dass die weiche Gummikante an der Unterseite des Helmes im hinteren Bereich verlängert ist und so verhindert, dass einem Wasser in den Nacken tropft…

Fazit:

Auch wenn ich immer noch fallweise den Uvex und vor allem meinen Crosshelm von Kini aufsetze, so hat es der Aventuro Carbon binnen kürzester Zeit zum neuen Lieblingshelm im Regal geschafft, was vor allem seinen vielen praxisnahen Details und seinem breiten Einsatzbereich geschuldet ist. Speziell für Motorradreisende, die regelmäßig befestigte Wege verlassen und die bei jedem Wetter unterwegs sind, kann ich das "Multitalent" wirklich empfehlen. Wer partout nicht auf eine integrierte Sonnenblende verzichten will, könnte im baugleichen Nexx X.D1 eine gute Alternative finden – dieser ist allerdings kein reiner Carbon-Helm und dadurch auch schwerer, als der von den Portugiesen im Auftrag von Touratech produzierte Aventuro, dazu vermisst man auch manche Details wie die Brillenbandführung. Oder man sieht sich den neuen Aventuro-Mod-Klapphelm von Touratech genauer an. Das Wichtigste bei einem Motorradhelm ist neben der zertifizierten Sicherheits-Standards immer noch, dass er passt und man sich damit auch nach Stunden wohlfühlt, weshalb man ihn vor einem Kauf auch lange genug ausprobieren sollte. Für mich ist Gewicht ein wesentliches Kriterium, Druckstellen machen mich wahnsinnig. Beides genügt beim Touratech Aventuro Carbon meinen (hohen) Ansprüchen, weshalb ich auch den etwas mühevollen Ein- und Ausstieg gerne in Kauf nehme.

© 07/2016