BMW F 700 GS • Modelljahr 2015

Ein verlässlicher Begleiter für jeden Tag

"Bist du deppert“, schoss es mir durch den Helm, als der nasse, sandige Pfad immer steiler wurde, die Fuhre unter mir nervös hin und her rutschte und ich mir, wenn schon nicht gleich eine leichte Hardenduro, so doch zumindest ordentliche Grobstoller auf den Gussfelgen herbeigesehnt hätte. Doch die F 700 GS hielt mit viel Schwung und ein wenig Bauchweh die Spur bis ganz nach oben. In dem Radl steckt doch mehr Enduro drinnen, als ich es ihm auf den ersten Blick zugetraut hätte.

Eine Woche lang habe ich die "kleine GS" aus dem Hause BMW an der portugiesischen Algarve ausgiebig bewegt. Wobei die Typenzeichnung streng genommen einem "Etikettenschwindel" gleichkommt, schöpft doch der Reihen-Zweizylinder seine Kraft wie bei der F 800 GS aus 798 ccm Hubraum, wenn er auch in der "soften" Variante hier mit 75 PS, also zehn Pferdestärken weniger, auskommen muss. Das spürt man natürlich im direkten Vergleich, trotzdem fühlte ich mich auf der 700er, die also de facto auch eine 800er ist, keinesfalls untermotorisiert. Speziell im kurvigen Geläuf spielt das handliche Motorrad seine Stärken aus, geht's zügig jeden Pass hinauf, wenn der Motor auf Drehzahl gehalten wird. Wozu auch das 19-Zoll-Vorderrad und der schlanke 140er-Reifen am 17 Zoll-Rad hinten ihren Teil beitragen, die Bayerin richtig wendig machen. Warum die BMW-Marketing-Leute mit dem Modellnamen tiefstapeln, ist leicht durchschaut: Im Bereich der hubraumstarken Reiseenduros sind die Münchner ohnehin stark aufgestellt, der 700er in der Typenbezeichnung könnte dem einen oder anderen aber den Respekt vor einer "schweren" Maschine nehmen. Die überschaubare Sitzhöhe von 820 mm bzw. die Möglichkeit der Tiefverlegung tragen dann noch das ihre dazu bei, damit auch kleingewachsene FahrerInnen, denen es wichtig ist, mit beiden Füßen Bodenkontakt zu haben, zu einer GS greifen.

Etwas über 1600 Kilometer hatte das fast noch jungfräuliche Motorrad auf der Uhr, als ich es übernommen habe – beim Zurückgeben war dieser Wert mehr als verdoppelt. Man fühlt sich auch sofort wohl, wenn man sich draufsetzt, noch mehr, sobald man losfährt. Das Betätigen der Kupplung erfordert zwar ein wenig Kraftaufwand, die Gänge flutschen aber sanft rein, der mit einem Drehmoment von 77 Newtonmetern versehene Motor liegt gut am Gas. Nicht mit der Souveränität einer 1200er GS, eh klar, aber doch Laune machend. 

So sehr, dass sich schon bald ein Kritikpunkt auftat, und zwar die bei zügiger Kurvenfahrt recht früh am Asphalt kratzenden Fußrasten. Ich mag das Geräusch des schürfenden Metalls ja prinzipiell, war aber richtig überrascht, wie bald es mir hier in den Ohren klang. Und wenn wir schon beim Thema sind: Die rutschigen Gummiauflagen wären das erste, was bei mir runterkommen würde, um sicheren Halt beim Stehendfahren zu gewährleisten.

Das Fahrwerk ist ordentlich, die 170 mm Federweg vorne wie hinten  bügeln auf der Straße so ziemlich jede Unebenheit weg, bei sportlicher Fahrweise dürfte es freilich gerne etwas härter sein. Und wie schon eingangs erwähnt, muss man auch bei der im Vergleich zur 800er doch straßenorientierten Maschine keinesfalls nervös werden, wenn der Asphalt unter den Reifen mal ausgeht. Ganz im Gegenteil, es macht richtig Spaß, die F 700 GS über Schotterwege und auch darüber hinaus zu treiben, in vielen Fällen werden Bereifung und Fahrer lange vor diesem Motorrad an ihre Grenzen stoßen. Die serienmäßig (?) aufgezogenen Annakee 3 von Michelin hatten jedenfalls einiges zu tun auf den feuchten Abwegen an der Algarve, auf trockenen Straßen überzeugten sie aber mit gutem Grip bzw. Rückmeldung und vermittelten rasch Vertrauen.

Die Instrumente sind gut ablesbar, ob jetzt analog wie Geschwindigkeit und Drehzahl oder die Vielzahl aller anderen Informationen, die auf einem Digital-Display bereitgestellt werden. Wie bei jeder BMW ist die Extra- (und damit auch Aufpreis-) -Liste lang, kann man sich seine F 700 GS individuell gestalten, wobei sich das auch rasch im Geldbörsl niederschlägt. Ist aber gar nicht wirklich nötig, kommt doch das Motorrad schon sehr fertig und mit (wegschaltbarem) ABS serienmäßig daher. Das von mir gefahrene 2015er-Modell hatte zusätzlich die hohe Tourenscheibe, LED-Blinker, Komfort-Sitzbank und Hauptständer verbaut,  die  ebenfalls angebotene Stabilitätskontrolle ASC war nicht dabei. Was mir auch nicht fehlte, ein 75-PS-Motorrad sollte ohne auskommen. Und auch der Griff zum Handrad, mit dem sich die Vorspannung im Federbein bequem verstellen lässt, ist absolut zumutbar. Aber wie gesagt: Wer will, kann selbst das von elektronischen Helferlein erledigen lassen und unter drei verschiedenen Modi (Komfort, Normal & Sport) wählen, muss also auf (fast) nichts verzichten, was BMW technisch im Angebot hat.

Der Verbrauch lag während meiner Portugal-Woche bei knapp unter 5 Litern auf 100 Kilometer, was das Motorrad bei einem Tankvolumen von 16 Litern im Schnitt pro Tankfüllung über 300 Kilometer weit kommen lässt, im "Reisemodus" wahrscheinlich noch ein Stück weiter – ein akzeptabler Wert für eine Reiseenduro, so wie auch die Zuladung von 227 kg, die selbst bei Reisen zu zweit noch einiges an Gepäck erlaubt. Die Bremsen sind BMW-typisch gut, im Gegensatz zum Vorgängermodell F 650 GS hat die 700er wie ihre großen Schwestern vorne eine Doppelscheiben-Bremsanlage mit zwei 300-Millimeter-Bremsscheiben samt Doppelkolbenzangen verbaut, was die Fuhre recht effektiv zum Stehen bringt. Das ABS regelt unaufdringlich sensibel, aber effektiv – zwei Sicherheitsfeatures, die sich bezahlt machen.

Fazit:

Die Frage, wieviel GS man(n oder Frau) braucht, wird jeder für sich beantworten müssen, mein persönlicher Favorit im aktuellen Angebot der Bayern wäre die F 800 GS, weil sie doch das geländegängigste BMW-Modell ist – schon wegen des 21-Zoll-Vorderrades und der Speichenfelgen. Die "kleine Schwester" entpuppte sich in dieser Woche aber als ein Motorrad für alle Tage, was ich für eine Reiseenduro absolut als Kompliment sehe: Für den täglichen Weg zur Arbeit genauso wie die Wochenendtour oder die Reise, auch abseits befestigter Straßen geht mehr, als ich dem Motorrad zugetraut hätte. Dazu kommt ein moderater Verbrauch, eine entspannt-bequeme Sitzposition und eine wunderbare Handlichkeit, mit der sich die F 700 GS, die nix am besten aber fast alles recht gut kann, auch richtig flott über kurvenreiche Straßen treiben lässt. So gesehen ist mehr schon fast Luxus.

© 01/2016