Freiheit auf zwei Rädern

Seit 20. November 2016 darf man in Frankreich nur noch mit CE-geprüften Handschuhen Motorrad fahren, was in diversen Foren natürlich für heftigen Diskussionsstoff sorgt. Bei Nichtbefolgung droht eine Verwaltungsstrafe von 68 Euro, das gilt auch für die Sozia oder den Sozius, was im schlimmsten Fall ein Loch von 136 Euro in die Urlaubskasse reißt, wenn man von einem Flic ohne erwischt wird. Natürlich habe ich sofort einen Blick auf meine vier Paar Handschuhe geworfen, die ich regelmäßig verwende: Bei zwei davon ist der CE-Sticker, der die „EU-Konformheit“ bestätigt, nicht oder durch den täglichen Gebrauch nicht mehr zu erkennen…

 

Ja, haben diese Bürokraten in ihren geheizten Amtsstuben wirklich keine anderen Sorgen während der kalten Jahreszeit? Wurde nicht erst das französische Gesetz über die verpflichtende Größe von Reflektoren an der Motorradbekleidung kurz nach dessen Erlass wieder verworfen? Angeblich zielt das Décret n° 2016-1232 in erster Linie vor allem auf die zahlreichen Rollerfahrer, die (nicht nur) an der Cote d’Azur zu zigtausenden völlig ungeschützt unterwegs sind, aber viele von denen sind ja auch bei uns scheinbar unverwundbar. Prinzipiell kann’s mir egal sein, weil ich auf Handschuhe sowieso ebensowenig verzichte, wie auf Helm, Stiefel oder Schutzkleidung, wenn ich aufs Motorrad steige – und trotzdem ist diese behördliche Bevormundung von Erwachsenen Unsinn. Weil ich keine Grenzen sehe, wo das enden soll. Bei der Höhe des Schuhs, beim Verbot von Jet- und Crosshelmen, weil man wenn’s blöd rennt einen Stein vom Vordermann abbekommen oder die böse Wespe im Gesicht landen könnte? Abgesehen davon, dass der wüde Franzmann auf seiner Maschin*  immer noch völlig legal mit Helm, Handschuhen, Badeshort und Flipflops ausgestattet über den Col de l’Iseran rasen darf, sollte man doch besser verstärkt Aufklärungsarbeit über die Folgen des Verzichts von Schutzkleidung im Falle eines Sturzes leisten, als mit derartigen Gesetzen den Hammer schwingen. Ein gewisses Maß an Eigenverantwortung gehört auch zur Freiheit auf zwei Rädern, die  es in unseren Breiten in Wahrheit ohnehin längst nur noch sehr beschränkt gibt.

-wolf

* für meine deutschen Leser: der wilde Franzose auf seinem Motorrad

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Kommentare: 6
  • #1

    Karim (Sonntag, 11 Dezember 2016 17:11)

    "Weil ich keine Grenzen sehe, wo das enden soll."

    Das sehe ich genau so. Es werden im Gegenteil keine Gesetze abgebaut oder auch einmal der gegenwärtigen Realität angepasst (wenn diese schon zig Jahre alt sind), sondern es werden immer wieder neue ausgedacht. Der eigentliche Freiraum, selbst entscheiden zu können, wird somit immer enger.

    Bei uns gab es in Freiburg schon die Diskussion, ob man den Fahrradhelm gesetzlich vorschreiben soll... :-/

  • #2

    Griesi (Sonntag, 11 Dezember 2016 21:25)

    Es ist immer und überall der gleiche Scheiß. Eigenverantwortung wird überall wo möglich durch Gesetze und Vorschriften ersetzt.Und am Ende fragen wir uns alle, wo denn der mündige Bürger geblieben ist.

  • #3

    Herby (Montag, 12 Dezember 2016 06:22)

    Mich wundert der Einfallsreichtum der Politiker überhaupt nicht. Wieder mal wird etwas reguliert, völlig unnötigerweise, jeder erfahrene Motorradfahrer setzt sich nicht ohne Handschuhe aufs Bike. Was mich allerdings wundert ist die Tatsache, dass dieser Stuss aus Frankreich kommt. Unserer geliebten EU hätte ich das eher zugetraut. Aber wer weiß, vielleicht hat in Brüssel mal einer besonders große Langeweile und bastelt daraus eine länderübergreifende EU-konforme Regelung.

    Frohes Fest an Alle!

    Herby

  • #4

    vienna_wolfe (Mittwoch, 14 Dezember 2016 14:55)

    @ Karim:
    Fahrradfahren ist aber auch wirklich grenzwertig gefährlich…
    …auch sonst bin ich voll bei dir. :L

    @ Griesi:
    Meine Red’ - wer für fähig befunden wird, am öffentlichen Straßenverkehr teilzunehmen, sollte eigentlich auch imstande sein, sich entsprechend zu adjustieren.

    @ Herby:
    Wahrscheinlich wirst du mit deiner EU-Prognose wirklich nicht so weit weg liegen - wenn schon die Krümmung von Gurken (EWG-Verordnung Nr. 1677/88) und Bananen (Nr. 2257/94) reglementiert ist, kommt es ohnehin schon längst einem Wunder gleich, dass wir (zumindest außerhalb Frankreichs) immer noch so ziemlich frei wählen dürfen, ob und womit wir unsere Finger beim Mopedfahren schützen…

  • #5

    Dieter (Sonntag, 25 Dezember 2016 10:18)

    @vienna_wolfe
    Sorry Wolf aber das ist nicht korrekt. Die EU hat nie die Krümmung einer Banane vorgeschrieben, siehe hierzu auch:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Verordnung_%28EG%29_Nr._2257/94

    Auch wenn die EU viel Mist baut, so bin ich doch froh in einem Gebiet zu wohnen in dem es seit über 70 Jahre keinen Krieg gab. Ich kann mal eben nach Spanien fahren und dort mit Gleichgesinnten ein Bier trinken. Ich kenne das noch anders, mit Grenzübertritten, Kontrollen und Landeswährungen tauschen. Was für ein Mist das doch war.

    Das hat auch gar nichts mit irgendwelchen Landesgesetzen zu tun. Jetzt könnten wir natürlich dafür sorgen, das dieses französische Gesetz durch die EU wieder kassiert wird. Leider braucht es dafür einflussreiche Lobbyisten.
    Im Grunde liegt es auch nur an der Bequemlichkeit eines jeden. Würden die Leute mehr aufbegehren und auch mal die Minister anschreiben oder persönlich einen Termin machen, könnte man vieles ändern. Es sollten halt nur genug Leute machen.

  • #6

    vienna_wolfe (Dienstag, 27 Dezember 2016 08:02)

    @ Dieter:
    Sorry, da bin wohl auch ich der allgemeinen Mär über die Krümmung der Bananen aufgesessen - was allerdings wenig daran ändert, dass die Bürokratie in Brüssel oft seltsame Blüten treibt. Aber im konkreten Fall geht es, wie du richtig bemerkst, um eine Verordnung in Frankreich, deren Einhaltung für mich zwar prinzipiell selbstverständlich ist, ich aber dennoch nicht unbedingt "von oben" vorgeschrieben haben will.
    Dass die EU ohne Zweifel mehr Vorteile bringt, steht für mich als Reisenden ohnehin außer Frage.